Fa. F. A. Schmidt & Sohn in Adorf

 

Die oder auch nur eine Geschichte über die Firma F. A. Schmidt & Sohn aus Adorf zu schreiben, ist aus mehreren Gründen kein leichtes Unterfangen.

 

·    Die Firmengeschichte ist sehr eng mit der Geschichte der Perlmutterverarbeitung in Adorf/ Vogtl. verbunden, aber nur ein Teil von ihr.

·    Das mir vorliegende Datenmaterial ist sehr umfangreich, aber in vielen Punkten lückenhaft.

·    Im Gegensatz zur Fa. Louis Nicolai ist mir keine umfangreichere Firmengeschichte, die die frühen Jahre detailliert mit Fakten darstellt, bekannt.

·    Zeitzeugen können nicht mehr befragt werden.

·    Historisches Archivmaterial ist über eine Vielzahl von Archiven verstreut.

 

Aus diesem Grunde möchte ich nachfolgende Firmengeschichte als eine Zusammenfassung meines gesammelten Materials zum heutigen Zeitpunkt verstanden wissen. Diese Zusammenfassung beinhaltet teilweise auch eine persönliche Sicht auf bestimmte Dinge auf Basis des mir vorliegenden Materials.

 

Die Verarbeitung von Perlmutter ist ein Jahrhunderte altes Handwerk bzw. Kunsthandwerk, welches in vielen Gegenden der Welt zu finden war und ist. Wir kennen die mit Gold, Silber, Perlen und Juwelen veredelten Perlmutterschalen der Juwelierkunst für gekrönte Häupter oder auch wundervolle Intarsienarbeiten für Möbel, Musikinstrumente und andere Gebrauchsgegenstände.

 

Die erste Verarbeitung der Muschelschalen der in der Elster und ihren Nebenflüssen und Bächen vorkommenden Flussperlmuscheln wird in der Literatur oft dem Perlenfischer Moritz Schmerler zugeschrieben. Hierzu schrieb Alfred Haensel 1914 in „Die Perlmutterindustrie zu Adorf im sächsischen Vogtlande“, dass Moritz Schmerler auf die Idee gekommen ist, aus den Muschelschalen diverse Gegenstände zu fertigen. Als die Versuche erfolgreich verliefen, wurde die Königl. Oberforstmeisterei Auerbach i.V. als vorgesetzte Behörde darüber informiert. Diese informierte mit Schreiben vom 10. März 1852 das Sächsische Finanzministerium über diesen Sachverhalt. In dem Schreiben wurde gleichzeitig darum gebeten, dem Perlenfischer die Verarbeitung entsprechender Perlmuscheln zu gestatten. Dem Schreiben wurden zwei Paar Ohrgehänge und eine Brosche beigelegt.

In anderen Aufsätzen werden sowohl zum Zeitpunkt über den Beginn als auch zur Urheberschaft der vogtländischen Perlmutterverarbeitung unterschiedliche Angaben gemacht. In der Regel fehlen zu den Aussagen die entsprechenden Quellenangaben.

 

Die vogtländische Perlmutterbe- und verarbeitung  war aber nicht der Beginn der Perlmutterverarbeitung auf dem Territorium des heutigen Deutschlands  und des europäischen Auslandes.

In einem Artikel aus dem Jahre 1769 wird berichtet, dass Churfürstin Maria Amalie Auguste in Plauen eine Perlenmuschel überreicht wurde, in der der Perlenfang mit einer Landschaft eingeschnitten wurde.

Gerhard Heinrich Buse berichtet 1801, dass auch in Ungarn und Karlsbad die Messerschmiede ihre Messerhefte mit Perlmutter belegen und diverse andere Gegenstände inkl. Knöpfe aus Perlmutter fertigen.

Nachfolgende Importstatistik zeigt eindrucksvoll, welche Mengen an Perlmutter in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits über Hamburg bzw. nach Frankreich aus Übersee importiert wurden.

 

 

Import Frankreich

Import über Hamburg

Jahr

in kg

in Ctr.

in kg

Wert in M

1850

554.780

2.518

125.900

1851

524.590

5.610

280.500

1852

140.364

11.131

556.550

1853

128.136

8.928

446.400

146.440

1854

953.507

14.241

712.050

252.800

1855

782.186

13.430

671.500

235.120

 

In einigen deutschen Städten finden wir in den Adressbüchern vor 1850 Einträge von Perlmutterarbeitern bzw. Perlmutterfabriken.

 

Der Buchbinder Friedrich August Schmidt in Adorf war es, der mit seinem Können und Weitsicht erkannte, dass die Ver- und Bearbeitung der Elsterperlmuscheln ein gewinnträchtiges neues Produkt für sein Unternehmen in Adorf sein könnte. Er entwickelte maßgeblich dieses Produkt zu einem bedeutenden Handwerks- und Industriezweig in und um Adorf. Begünstigt wurde dies dadurch, dass er von der sächsischen Regierung das Recht auf einen begrenzten Zugriff auf die Perlmuscheln aus der Elster und den Nebenflüssen bekam und einen Absatzmarkt im nahen Badeort Bad Elster für seine ersten Produkte hatte. Die dortigen Badegäste machten seine neuen Produkte Schritt für Schritt in Sachsen und ganz Deutschland bekannt.

 

In nachfolgender sehr komprimierten Firmengeschichte der Firmen Louis Nicolai und F. A. Schmidt & Sohn aus dem Werk „Die deutsche Industrie. Festgabe zum 25jährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.“ aus dem Jahre 1913 erhalten wir einen ersten Einblick in die Firmengeschichte beider Unternehmen.

 

Vereinigte Perlmutterwarenfabriken

Louis Nicolai & F. A. Schmidt & Sohn

Adorf im Vogtland (Sachsen).

 

Ein für Deutschland einzigartiger Industriezweig des Sächsischen Obervogtlandes ist die Fabrikation von Perlmutterwaren, die ihren Ursprung zurückleitet auf den seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Adorf ansässigen Kaufmann Friedrich August Schmidt, der in Bad Elster auf die Möglichkeit der Verwertung der im Elsterflusse gefundenen Muscheln aufmerksam wurde. Seine dahinziehenden Versuche erwiesen sich als derart beachtenswert, daß die sächsische Staatsregierung im Jahre 1854 sich bereit zeigte, ihm das Privilegium zu gewähren, ihm jährlich 10.000 Elstermuscheln gegen ein nur geringes Entgelt zur Verwertung zu überlassen, und schon nach wenigen Jahren hatte sich das neue Kunstgewerbe - man muß es als ein solches bezeichnen – einen großen Liebhaber- und Kundenkreis erworben, nicht nur im eigenen Lande, sondern ebensosehr auf dem gesamten internationalen Handelsmarkt.

Weit mehr noch gewann es an Bedeutung, als Hamburger Kaufleute, die nach Bad Elster kamen und die Waren bezogen, zu Anfang der 70er Jahre Fr. Aug. Schmidt auf das weitaus schöner schillernde Perlmutt der Meeresgewässer hinwiesen, eine Anregung, die sich Schmidt wiederum ohne Zögern zunutze machte und die alsbald zum Bezug von Perlmutterschalen aus der Südsee und den japanischen Gewässern führte. Die Nachfrage nach den Fabrikaten, die schon damals eine ungemeine Vielseitigkeit der Gegenstände und Muster aufwiesen, gestaltete sich so bedeutend, daß Schmidt zur Deckung derselben die englische Produktion von Birmingham heranziehen musste, die in technischer und künstlerischer Hinsicht auf einer zweifellos höheren Stufe stand. Diese beiden Momente wiederum veranlaßten ihn, den seit 1864 in seinem Unternehmen tätigen Herrn Louis Nicolai, seinen späteren Schwiegersohn, nach Birmingham zu entsenden, damit sich dieser die Fachkenntnisse der dortigen Manufaktur aneigne. Von Birmingham aus suchte Nicolai nun auch noch Paris auf, gleichfalls ein hervorragender Platz der Perlmutterwarenfabrikation, und nach seiner im Jahr 1872 erfolgten Rückkehr nach Adorf wußte er das heimische Unternehmen durch eine glückliche Kombination des englischen und französischen Geschmackes auf eine bedeutsame Höhe der Leistungsfähigkeit und des geschäftlichen Erfolges zu bringen.

Wenige Jahre darauf, im Jahre 1876, nachdem der Sohn des Herrn Schmidt in das väterliche Unternehmen eingetreten war, beschloß Nicolai, unter eigenem Namen ein zweites gleichartiges Unternehmen zu gründen, und dies stand dem früheren bald an Umfang und Bedeutung nicht nach.

Nach dem im Jahre 1906 erfolgten Ableben des Herrn Oskar Schmidt, Sohn des Gründers, dem der Vater bereits im Jahre 1885 im Tode vorausgegangen war, übernahm Herr Louis Nicolai auch dessen Unternehmen auf eigene Rechnung und vereinigte beide im Jahre 1910 schließlich noch mit der Sächsischen Glasbilderfabrik zu Adorf in seiner Hand. Das Gemeinschaftsunternehmen besitzt heute etwa 100 fast ausnahmslos männliche Arbeitskräfte in geschlossenen Fabrikräumen und etwa ebenso viele in der Hausindustrie, die ebensogut weibliche wie männliche Personen, oft ganze Familien beschäftigt. Erzeugt werden eine ungemein große Anzahl der verschiedensten Arten von Schmuck-, Luxus- und Gebrauchsgegenständen, wie Fächer, Jardinièren, Schalen, Fruchtkörbe, Servierplatten, Handschuh-, Tabak-, und Zigarrenkästen, Nadelbehälter, Photographierahmen, Spiegel, Toilettengegenstände, Schachbretter, Standuhren , Thermometergehäuse, Albums, Handtäschchen, Portefeuilles, Portemonnaies, Aschenschalen, Schreibgarnituren, Nippes, Kruzifixe und Rosenkranzbehälter, alle Sorten und Größen von Bestecks u. dgl. unter denen sich wahre Prachtstücke von hohem Werte befinden. – Auch werden die Intarsien für die Möbel, Pianoforte und Buchbinderei-Ausstattung in vorzüglicher Qualität geliefert. – Der Absatz beherrscht nach wie vor alle Kulturstaaten der Erde bis nach den ostasiatischen und den südafrikanischen deutschen Kolonien, und eigene Vertreter und Musterlager befinden sich in Berlin, Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Paris, London, Mailand, Tunis, Smyrna, Kairo, Jerusalem, Beirut, Jaffa und an anderen Plätzen des Orients.

Auf den von der Firma beschickten Ausstellungen fanden die Waren hohe Anerkennung und Auszeichnungen und für deutsche Kunstfertigkeit, deutschen Geschmack legen diese ein beredtes Zeugnis ab.

 

Der Familienstammbaum von Friedrich August Schmidt reicht bis zum Gerber Hans Schmidt zurück, der 1620 in Steinsdorf geboren und 70 Jahre alt geworden ist. Weitere Ahnen waren z. Bsp. Stadtkirchner oder Amtsschreiber in Plauen. Der Vater von Friedrich August Schmidt war es dann, der nach Adorf ging und dort als Advokat tätig war.

 

Das Buchbindereigewerbe von Friedrich August Schmidt (*1. Juni 1820 / † 15. Februar 1885) kann mindestens bis zum Jahre 1843 nachgewiesen werden. Im Adorfer Wochenblatt vom 29. November 1843 findet sich nachfolgende Zeitungsanzeige.

 

 

 

In dieser Anzeige wird noch nicht von Perlmutter- bzw. Muschelwaren gesprochen.

 

Im Fabrikanten-Adressbuch des Königreiches Sachsen von 1875/76 und anderen Quellen wird 1854 als Gründungsdatum der Perlmutterwarenfabrik angegeben. Laut einer Meldung in den Dresdener Nachrichten vom 14. November 1876 hätte  F. A. Schmidt bereits 1848 mit der Verarbeitung von Perlmuscheln begonnen. Das würde bedeuten, dass der Beginn der Ver- und Bearbeitung der Elsterperlmuscheln nur schwer einer einzelnen Person zugeordnet werden kann.

 

Bereits im Adress- und Bade- Almanach Bad Elster von 1855 wird auf eine „Fr. Schmidt‘s Kunsthandlung“ unter den Colonnaden hingewiesen. Es kann vermutet werden, dass die besagte Frau Schmidt in Verbindung zur Fa. F. A. Schmidt aus Adorf stand.

 

In der dritten und vermehrten Auflage des Heftes von Carl Geißler über das Elster-Bad  aus dem Jahre 1866 findet sich eine Ankündigung der Kunsthandlung F. A. Schmidt, dass sie neben diesem Heft auch Karten im Umschlag von Bad Elster und Umgebung sowie weitere Badeschriften verkauft. Gleichfalls empfiehlt F. A. Schmidt seine „echten Elster-Perlmutterwaaren“.

In der Ausgabe des Jahres 1869 lesen wir von einem noch breiteren Sortiment aus eigener Fabrikation. Die Elster-Perlmuscheln in Gold- und Silberfassung stehen bereits an erster Stelle. Danach folgen Photographien, Briefpapier mit Ansichten und Schreibmaterialien aller Art sowie Brunnenbecher, originelles Porzellan & Quinquaillerie-Waren. Was für ein toller Begriff, den Wikipedia u.a. auch mit Kinkerlitzchen übersetzt. Neben den Kinkerlitzchen wurden dort auch „ächte“ Havanna und Bremer Cigarren angeboten. Ob die Badeärzte dies gerne sahen? Im Jahre 1869 wird als Anschrift für all diese auch heute noch typischen Waren für einen Badeort die Colonnade No. 15 & 16 genannt.

 

In dem oben bereits erwähnten Zeitungsartikel aus dem Jahre 1876 wird weiterhin geschrieben, dass der Firma von Se. Maj. dem König Johann 1863 das Recht zuerkannt wurde das königl. Sächs. Wappen zu führen und erwähnt, dass die Firma F. A. Schmidt ab 1863 die Leipziger Messen mit einem Musterlager besuchte. In den mir vorliegenden Mess-Adressbüchern der Jahre 1865/1868/1869 ist die Firma als Aussteller nicht aufgeführt. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass sie dort nicht ausgestellt hat.

 

Fotos Perlmutter- und Heimatmuseum Adorf

 

Foto Perlmutter- und Heimatmuseum Adorf

 

Auf dem Verschluss des Portemonnaies erkennt man bei genauem Hinsehen das königlich sächs. Wappen. Das wäre ein Hinweis dafür, dass diese Stücke von der Fa. F. A. Schmidt bzw. F. A. Schmidt & Sohn gefertigt wurden. Das Prädikat eines Hoflieferanten wurde sowohl von König Johann 1863 als auch von König Albert 1884 verliehen.

 

Wie mühsam sich das Perlmutterwarenhandwerk entwickelt hat, beweist die Tatsache, dass dieses Handwerk erstmals im „Jahres-Bericht der Handels- und Gewerbekammer zu Plauen 1862 und 1863“  wie folgt unter der Rubrik „ Die Perlenfischerei“ Erwähnung findet:

 

„Außer den Perlen haben neuerdings auch die Perlmuscheln eine industrielle Bedeutung gewonnen, indem sich gerade die zur Perlenzucht nicht mehr tauglichen älteren Muscheln zum Schleifen eignen; doch sind wegen seltener Reinheit und großer Porosität oft kaum 2 Procent zum Verschleifen im Ganzen zu gebrauchen. Die Perlmuschelschleiferei ist im Jahre 1853 von einem der angestellten Perlenfischer in Oelsnitz begonnen worden, der sie auch gegenwärtig noch fortbetreibt, jedoch blos Portemonnaies und Necessaires daraus macht, auch die polierten Muscheln gelegentlich unbeschlagen verkauft. Lebhafter wird die Verarbeitung von Elsterperlmuscheln von einem Geschäfte in Adorf betrieben, welches kleine Schmucksachen der verschiedensten Art daraus verfertigt und deshalb auch Muscheln verwenden kann, welche nicht durchgängig rein sind. Dieses Geschäft, das einzige, an welches Muscheln abgelassen werden (1861: 800 Stück, 1862: 200 Stück, 1863: 500 Stück, das Stück zu 3 Pf., wovon die Perlenfischer die Hälfte erhalten), beschäftigt mit Schleiferei, Einfassung und sonstigen Gold- und Silberarbeiten jetzt 6 - 7 Personen und hat seinen Hauptabsatz während der Badesaison in Elster. Aehnliche Luxusartikel verfertigen noch zwei Personen in Adorf und eine in Elster, die jedoch angeblich bairische Muscheln verwenden, welche an Qualität weit hinter den Elstermuscheln zurückstehen, die zwar nicht so rein und weiß sind, wie die orientalischen, diese aber an Härte übertreffen.“

 

Im Bericht zum Jahre 1869 wird erstmals unter der Rubrik „Verschiedene Erwerbszweige - Verarbeitung von Perlmuscheln“ über diesen sich entwickelnden Zweig wie folgt berichtet:

 

„In der Verarbeitung von Perlmuscheln trat im Laufe des Jahres 1869 insofern eine wesentliche Veränderung ein, als in Folge der sehr gesteigerten Nachfrage enorme Massen von Baierschen (Pfälzer) Muscheln in Adorf eingeführt und verarbeitet wurden. Die Zahl der in diesem Jahre aufgekauften Muscheln wird von competenter Seite auf 100.000 Stück veranschlagt. Gleichzeitig stieg die Concurrenz zwischen den Unternehmen in diesem Industriezweige und dies hatte eine Art von Massenproduction zur Folge, die vielfach auf die früher erprobte Solidität der Waare von Einfluß war und die Preise herabdrückte, so daß Letztere allmälig durchweg um 50 Procent fielen. Allmälig stellen sich jedoch wieder gesundere Productionsverhältnisse ein. Die frühere Perlmuschelarbeit repräsentiert gegenwärtig etwa nur die Hälfte der Production; die andere Hälfte besteht aus Mosaikarbeit auf ebenen Flächen aller Art, wozu ausschließlich fremdländische, namentlich Orientalische Muscheln verwendet werden. Am meisten sind die ursprünglichen Fabricate, wie Portemonnaies, zurückgegangen. Der Absatz beschränkt sich durchaus nicht nur auf Elster, vielmehr wird ein ansehnliches Meßgeschäft gemacht und auch mit Erfolg gereist.“

 

Die Berichte in ihrer Gesamtheit belegen ein ständiges Auf und Ab dieses Handwerks bzw. Industriezweiges mit einem ständigen Kampf bezüglich hoher Import- und Exportzölle, harter internationaler Konkurrenz und fehlender Arbeitskräfte. Im Bericht für das Jahr 1913 wird dieser Zweig letztmalig in den

Jahres-Berichten der Handels- und Gewerbekammer zu Plauen erwähnt. Es kann davon ausgegangen werden, dass er für eine separate Erwähnung zu unbedeutend geworden ist.

 

Auch Bruno Günther schrieb in mehreren Aufsätzen über die Entwicklung der Perlmutterwarenherstellung in Adorf. In seinem Artikel „Adorf sonst und jetzt- Ein Rückblick auf die letzten 50 Jahre an der Hand des Grenzboten von 1875“ finden wir nachfolgende Details zur frühen Geschichte der Fa. F. A.Schmidt.

 

„…Die im Jahre 1853 von dem Oelsnitzer Perlenfischer M. Schmerler begonnene Verarbeitung von Elsterperlmuscheln wurde bald darauf auch in Adorf eingeführt und in den 60er Jahren weiter ausgebaut. Aus bescheidenen Anfängen heraus hatte der Adorfer Buchbinder F.A. Schmidt (später mit seinem Sohne Oskar) seinen im hiesigen Orte hergestellten Erzeugnisse einen Ehrenplatz neben den französischen Waren auf dem Weltmarkte zu verschaffen gewußt, so daß er nicht nur 1864 zu ersten Male die Leipziger Messe beziehen konnte, sondern auch auf der Dresdner Industrieausstellung 1875 einen bedeutenden Erfolg errang. Selbst das Königspaar (die Königin Carola war mehrmals in Bad Elster zur Kur und hatte an den schönen Erzeugnissen des F. A. Schmidt ihr Interesse bekundet) hatte dem liebenswürdigen Vater Schmidt die Ehre seines Besuches erwiesen und über die ausgestellten Produkte der neuen Adorfer Industrie seine Freude zum Ausdruck gebracht.

Ungefähr 100 Arbeiter in unserer Stadt waren schon damals in diesem Erwerbszweig tätig, so daß bald ein zweites Unternehmen neben dem Schmidtschen durch die Firma C.W. Lots in dem jetzigen Landhause entstand, welches hauptsächlich belegte Sachen herstellte…“

 

In einem anderen Artikel ergänzt Bruno Günther obige Details zur Firmengeschichte wie folgt.

 

„…Im Jahre 1860 wurden schon 6-10 Arbeiter beschäftigt und auch von anderen Unternehmern die Fabrikation aufgegriffen. Die Firma F. A. Schmidt beschäftigte 1864 schon 18-20 Arbeiter. Das Lager war immer größer geworden, der 1866iger Krieg kam, Bad Elster war auf einmal mitten in der Saison ohne Kurgäste, weil es hieß, die Brücke in Mühlhausen wird gesprengt.

Anfang September 1866 kamen die preussischen Armeen aus Österreich und ganze Mengen, fast aller Vorrat Portemonnais, Feuerzeuge, Schmucksachen von den neuartigen Artikeln wurden gekauft und ein neuer Aufschwung kam in die Fabrikation. Weihnachten 1866 kam der große Auftrag, 12 Dutzend Muschel –Portemonnais aus Paris; das Stück kam damals noch 1 Taler. Nun wurde wieder flott gearbeitet. Bad Elster war 1867-68 von vielen Russen und anderen Militärpersonen, von Hamburger Reedereibesitzern, von Leipziger Verlagsbuchhändlern gut besucht. Durch Kurgäste aus Hamburg angeregt, wurden dann Seemuscheln bezogen, die im Salzwasser gewachsen einen viel besser brillierenden Glanz annahmen, als unsere im Süßwasser gewachsenen Elstermuscheln…“

 

Ab 1870 sind Zeitungsanzeigen bezüglich des Besuches der Leipziger Messen der Fa. F. A. Schmidt mit seinen Perlmutterwaren bekannt. Demnach hatte er seine Erzeugnisse beim Buchhändler J. B. Hirschfeld am Neumarkt 26 ausgestellt. Ob sich die Herren Schmidt und Hirschfeld noch aus Zeiten, in denen man bei F. A. Schmidt Buchbindearbeiten durchführte, kannten?

 

 

Spätestens ab dem Jahre 1873 tauch die Fa. F. A. Schmidt auch in den einschlägigen Adressbüchern zu den Ausstellern auf den Leipziger Messen auf.

Im Eintrag aus dem Jahre 1873 ist als Firmenstandort Adorf, Bad Elster und die Alte Wiese in Carlsbad angegeben.

Die „Alte Wiese“ in Karlsbad liegt heute im Kurzentrum der Stadt und ist der prominenteste Straßenzug der Stadt. Das wird zur damaligen Zeit nicht anders gewesen sein.

Auch noch Jahre nach der Übernahme der Firma durch Louis Nicolai im Jahre 1906 traten beide Firmen weiterhin unter beiden Firmierungen auf den Messen in Leipzig auf.

 

Wann die Fa. F. A. Schmidt & Sohn das Fabrikgebäude Am Markt 35 in Adorf, in dem wir heute zu Weihnachten die Eisenbahnausstellungen besuchen können, errichtete, ist nicht bekannt. Laut Informationen aus dem Nachlass von Bruno und Erhard Günter im Hauptstaatsarchiv Dresden erwarben Advokat Christian Gottlieb Schmidt  und der Kaufmann Christian August Schmidt den „Gößnitzer Hof“ im Jahre 1805. Die Herren waren der Vater und Onkel von Friedrich August Schmidt. Auf dem Stadtplan von Adorf aus dem Jahre 1835 ist auf dem Flurstück 258 a, auf dem später das Fabrikgebäude errichtet wurde, noch kein Gebäude eingezeichnet.

 

 

Nach 1875 finden wir die Fa. F. A. Schmidt regelmäßig in Lieferanten-, Fabrikanten- und Exporthandbücher mit entsprechenden Einträgen.

 

Am 7. September 1877 wurde die Fa. F. A. Schmidt im Handelsregister Adorf gelöscht und die Fa. F. A. Schmidt & Sohn in Adorf mit den Inhabern Friedrich August Schmidt und Oskar Schmidt eingetragen.

 

 

Drei Wochen später heiratete am 29. September 1877 Julius Oskar Schmidt die am 3. Juli 1856 geborene Fleischermeistertochter Camilla Selma Seifert aus Dresden. Ob die Aufnahme des Sohnes in das väterliche Geschäft ein Hochzeitsgeschenk war?

 

Im Jahre 1878 sollen bei F. A. Schmidt & Sohn jährlich ca. 400.000 Muscheln verarbeiteten worden sein. Diese Muscheln wurden hauptsächlich aus England bezogen. Die gleiche Menge wurde von den übrigen in Adorf ansässigen Firmen verarbeitet. Ein großer Teil der Perlmutterwaren konnte wegen der vergleichsweisen geringen Löhne im Vogtland trotz hoher Importzölle nach Frankreich verkauft werden. Von dort wurde sie als französische Ware weiter verkauft.

Mindestens seit 1876 wurden die Perlmutterwaren von F. A. Schmidt auch in Dresden durch die Fa. Eduard Geucke & Co vertrieben. Unten eine Anzeige aus dem Jahre 1878. Im Dezember 1878 besuchte die Sächsische Königin das Geschäft von Eduard Geucke & Co. und besichtigte dort verschiedenste sächsische Produkte und tätigte gleichzeitig einige Weihnachtseinkäufe. Ob darunter auch Produkte aus Adorf waren, ist nicht bekannt.

 

 

Am 21. Dezember 1884 berichteten die Dresdner Nachrichten, dass den Inhabern der Perlmutterwarenfabrik F. A. Schmidt & Sohn zu Adorf das Prädikat „Kgl. Hoflieferanten“ gebührenfrei verliehen wurde. Bemerkenswert, dass dieses Prädikat demnach nicht dem Unternehmen sondern deren Inhabern verliehen wurde. Somit ist belegt, dass Friedrich August Schmidt von zwei verschiedenen Königen zum Hoflieferanten des jeweiligen Hofes ernannt wurde. Das Recht zur Verleihung entsprechender Prädikate stand auch weiteren Mitgliedern des Königshauses zu.

 

 

Am 15. Februar 1885 verstarb unerwartet der Firmengründer Friedrich August Schmidt an einem Herzschlag. Die Meldung über seinen Tod sowie eine Würdigung seines Schaffens wurde in vielen Zeitungen in Sachsen veröffentlicht. Mit Handelsregistereintrag vom 22. April 1887 wurde Oskar Julius Schmidt zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters als alleiniger Inhaber der Firma eingetragen. Bei dieser Gelegenheit wurde im Handelsregistereintrag gleichzeitig der Vorname des Eigentümers gegenüber der vorherigen Eintragung ergänzt. Es ist zu vermuten, dass die späte Änderung im Handelsregister durch vorher zu klärende Erbschaftsangelegenheiten in Bezug auf die Firma verursacht wurde.

 

 

 

Einem Bericht über den vom 28.-30. April 1886 in Dresden stattfindenden 6. Geographentag ist zu entnehmen, dass bei F.A. Schmidt in Adorf auch sehr feine Perlmutterarbeiten hergestellt werden konnten. Dort lesen wir:

 „… Von Interesse ist dabei das in schwarze Perlmutter gestochene Bildnis Sr. Maj. des Königs Albert von Sachsen. Dieses Bildnis, eine mit wahrer Kunstfertigkeit hergestellte Gemme, ist schwarz, während rundum die schwarze Außenhülle der Muschel abgeschliffen ist, so daß das Portrait von der silberweißen inneren Schaale der Muschel umrahmt wird. In ähnlicher Weise werden auch andere Bildnisse hergestellt, die als Medaillons oder als Zierde an Prachtstücken ec. Verwendung finden.“

 

Ob die oben beschriebenen Medaillons ähnlich der unten aus einem Katalog von Louis Nicolai stammenden Medaillons waren?

 

 

Ob ein solches Prachtstück Adorfer Perlmutterkunst erhalten und im Bestand des Perlmutter- und Heimatmuseums Adorf zu finden ist?

 

Ab ca. 1885 bis 1906 ließ sich die Fa. F. A. Schmidt & Sohn viele ihrer Produkte durch Einträge in das Musterregister schützen. Dieser Musterschutz wurde auch von anderen Firmen im großen Umfange genutzt.

 

Bereits 10 Jahre nach dem Tod seines Vaters verstarb Hoflieferant Oskar Julius Schmidt am 18. Dezember 1895 in Adorf.

Nach dem Tod ihres Mannes übernahm seine Witwe Selma Schmidt geb. Seifert das Unternehmen. Hier gibt es eine Differenz zur obigen Firmenhistorie aus dem Jahre 1913. Dort wird das Todesdatum von Oskar Schmidt mit 1906 angegeben. Die Verzeichnisse der im Bezirke der Handels- und Gewerbekammer Plauen in die Handelsregister eingetragenen Firmen der Jahre 1897/1900/1903 führen Camilla Selma verw. Schmidt als Inhaberin der Firma. Unter ihrem Namen wurden ab 1896 auch diverse Artikel im Musterregister eingetragen und somit urheberrechtlich geschützt.

Auch unter der Regie von Camilla Selma Schmidt entwickelte sich die Firma erfolgreich weiter. Im Jahre 1897 erhielt das Unternehmen die silberne Medaille der Stadt Leipzig und eine silberne Staatsmedaille auf der Weltausstellung in Brüssel. Im gleichen Jahr wurde in Wiesbaden in der „Alten Colonnade 3 / 4“ ein eigenes Fachgeschäft eröffnet.

 

Am 4. Januar 1904 ließ sich das Unternehmen eine eigene Handelsmarke eintragen. In der Eintragung ist das breite Spektrum der Artikel aufgeführt, für die die Fa. F. A. Schmidt & Sohn dieses Markenzeichen nutzen wollte. Dieses Markenzeichen wurde von der Firma Nicolai später auch auf ihren Katalogen verwendet.

 

 

Im Welthandels-Adressbuch von 1904 schaltete das Unternehmen nachfolgende ganzseitige Anzeige mit verschiedenen Artikeln aus ihrem umfangreichen Sortiment.

 

 

Im Jahre 1905 hatte sich die Inhaberin zu einem Verkauf des traditionsreichen Unternehmens entschlossen und annoncierte sowohl in der „Berliner Börsen-Zeitung“ als auch im „Leipziger Tageblatt und Handelszeitung“.

 

Wie es zu jener Zeit um die Geschäfts- bzw. persönlichen Beziehungen zwischen der Fa. F. A. Schmidt & Sohn bzw. Camilla Selma Schmidt und Louis Nicolai, ihrem Schwager, stand, lässt sich heute schwer sagen. Wollte sie mit diesen Anzeigen den Verkaufspreis in die Höhe treiben oder wollten beide Alternativen ausloten?

Mindestens bis 1907 hatten beide Firmen zur Leipziger Messe getrennte Messestände. Spätestens ab 1909 stellten beide Firmen im gleichen Zimmer aus.

Mit Eintrag in das Handelsregister vom 9. Juli 1906 schied Camilla Selma verw. Schmidt aus dem Unternehmen aus und der Perlmutterwarenfabrikant Louis Nicolai wurde neuer Inhaber.

 

 

Zum 1. August 1914 musste Louis Nicolai den traditionsreichen Standort der Fa. F. A. Schmidt & Sohn am oberen Markt kriegsbedingt aufgeben und konzentrierte das Unternehmen in seinem Gebäude in der Bahnhofstraße. 

Hierzu schrieb er in seinen Erinnerungen zum 40jährigen Bestehen seiner Firma:

„… Gleich in den ersten Tagen gingen einige dreißig zu den Fahnen, die übrigen älteren wurden Landsturmformationen zugeteilt. Nur die Leute über 45 Jahre und unter 19 Jahren sind übrig geblieben. Von denen, die hinauszogen, waren Ende 1915 sieben gefallen, darunter die besten Kräfte der Fabrik und des Lagers. Von dem sonst elf Köpfe zählenden Büro- und Lagerpersonal ist noch ein einziger- mein Herr Müller- hier. Er ist im Geschäft tätig und widmet sich besonders dem Fabrikationsbetrieb am Bahnhofe. Die zweite Fabrik ist seit dem 1. August 1914 vollständig stillgelegt…“

 

Laut Handelsregistereintrag vom 8. Mai 1924 ist die Fa. F. A. Schmidt & Sohn an diesem Tage erloschen. Diese und die weiteren dem Unternehmer Louis Nicolai gehörenden, und am gleichen Tag erloschenen Firmen, wurden in der neu gegründete Firma „Louis Nicolai, Perlmutterwaren- und Glasbilderfabrik Aktiengesellschaft, Adorf i.V.“ zusammengefasst.

 

Damit endete die Firmengeschichte des Gründers der Perlmutterwarenverarbeitung in Adorf. Die Geschichte wurde in der Firma Louis Nicolai fortgeführt. Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges war die Blütezeit dieses Handwerks bzw. dieses Industriezweiges in Adorf vorbei. Sie erholte sich auch nicht mehr in den goldenen Zwanzigern des 20. Jahrhunderts. Der Rest der Perlmutterwarenherstellung in Adorf ist schnell erzählt.

Mit Beginn des zweiten Weltkrieges war diese Branche wieder von den Bezugsquellen der Muscheln und Schnecken im Ausland abgeschnitten. In der DDR fehlten für die notwendigen Rohstoffe die erforderlichen Devisen.

Die Fa. Louis Nicolai wurde teilweise verstaatlicht. Mehr Details hierzu finden Sie unter http://gewerbeverein-adorf.de/history/firmen/Nicolai.htm .

Bis 1982 soll der VEB Perlmutterschmuck Adorf weiterhin in kleinem Umfange Perlmutterwaren gefertigt haben. Danach fertigte man als Zulieferbetrieb diverse Produkte für das Kombinat Erzgebirgische Volkskunst.

Im Jahre 1991 wagte die Firma Kunsthandwerk adsour GmbH (Adorfer Souvenier) unter Leitung von Herrn Schunk einen Neuanfang. Im Ergebnis des Hochwassers von 2002 musste die Firma Insolvenz anmelden.

 

Klaus-Peter Hörr

Januar 2022